Monatsarchiv für Mai 2008

Erster Prozesstag zum Fall des vergifteten Spitzer Bürgermeisters

Montag, den 19. Mai 2008

Dramatische Wende im Prozess zum Giftanschlag auf den Spitzer Bürgermeister Hannes Hirtzberger mit einer vergifteten Praline: Der Angeklagte ist am Montagnachmittag im Kremser Landesgericht von seinem 23-jährigen Sohn schwer belastet worden.

Verhandlung Krems Foto:Paul Plutsch

Der Student sagte unter Wahrheitspflicht, sein Vater sei “schon lange auf Hirtzberger böse” und mit diesem “verfeindet”, weil ihn der Ortsvorsteher bei einer Grundstücksumwidmung behindert habe. Und weiter: “Er hat gesagt, dass er irgendwann plant, ihn umzubringen.”

“Offene Rechnungen” mit drei Personen
Der Vater habe ihn “im Vertrauen” wissen lassen, “dass noch Rechnungen zu begleichen sind, bevor er stirbt”, gab der Zeuge zu Protokoll. Drei Personen hatte er demnach im Visier: den Lebensgefährten seiner Ex-Frau, einen früheren Pächter und Hirtzberger.

Die Drohung gegen Hirtzberger habe sein Vater “einige Male dezidiert” ausgesprochen, so der Zeuge. Seinem Vater sei Derartiges “prinzipiell sehr wohl zuzutrauen. Dafür kenne ich ihn gut genug.” Bereits während der Ermittlungen hatten die Kinder gegen den Vater ausgesagt.

Seit Jahren kaum Kontakt
Das Verhältnis zum Vater beschrieb der Sohn als “ehrlich gesagt nicht besonders gut, weil er eine sehr anstrengende Person ist”. Er sei “sehr von sich selbst überzeugt” und lasse “nur das gelten, was er selbst glaubt”. Er habe seit Jahren kaum noch Kontakt zu ihm.

Umso überraschender sei es für ihn gewesen, als ihn sein Vater im Februar in dem Wiener Studentenheim besuchte, wo er wohnt. Er sei damals mit hohem Fieber im Bett gelegen und habe ihn abwimmeln wollen, was jedoch nicht gelang.

Vater sprach von “Vorsichtsmaßnahme”
Helmut O. sei nach dem Betreten des Zimmers sofort “auf die Sache mit Hirtzberger” zu sprechen gekommen und habe die Befürchtung geäußert, dass man ihm den Giftanschlag in die Schuhe schieben wolle, mit dem er nichts zu tun habe.

Sein Vater habe ihn gedrängt, als “Vorsichtsmaßnahme” in ein mitgebrachtes leeres Marmeladeglas zu spucken: “Er hat gesagt, ich soll das vollspucken oder halb voll halt, damit er sich das reinhauen kann, um die DNA-Spur zu verfälschen, wenn er bei der Polizei einen Mundhöhlenabstrich abgeben muss.”

Söhne wollten Marmeladeglas zurück
Er sei “ziemlich schockiert” gewesen, sagte der 23-Jährige. Sein Vater habe ihn jedoch “so lange penetrierend genervt”, bis er nachgegeben habe. Später habe er seinen Bruder kontaktiert und erfahren, dass sein Vater sich auch von ihm eine “Speichelprobe” besorgt habe.

Der Darstellung des 23-Jährigen zufolge begaben sich die beiden Brüder daraufhin nach Spitz und forderten ihren Speichel zurück: “Der Papa war ziemlich angefressen auf mich. Echt grantig. Furchtbar böse.” Der Vater habe zudem erklärt, er habe “das Glas schon weggeworfen”.

Befragung über Video übertragen
In Wahrheit hatte der Angeklagte laut Staatsanwalt Friedrich Kutschera am 19. Februar der Polizei eine mit dem Speichel seiner Söhne manipulierte DNA-Probe hinterlassen. Die DNA des Angeklagten war auf einer Grußkarte gefunden geworden, die mit der Praline auf Hirtzbergers Auto deponiert worden war.

Der 23-Jährige wurde in einem Beratungszimmer von der Richterin befragt, während der Angeklagte, die Geschworenen, die Verteidiger und der Staatsanwalt sowie Medienvertreter im angrenzenden Gerichtssaal über Video die Befragung des Zeugen verfolgen konnten.

Angeklagter schweigt zu Vorwürfen
Die Aussagen wurden auch von einer Gutachterin untermauert. Alles spreche dafür, dass der Angeklagte selbst seine Probe verfälscht habe. Von der Richterin damit konfrontiert, wiederholte der Angeklagte nur seine zuvor gemachte Aussage, er wolle seine Kinder nicht vor Gericht belasten.

Auch weitere Kinder belasten Vater
Per Video eingespielt wurde auch eine Einvernahme des zweiten Sohnes des Angeklagten. Er bestätigte die Angaben seines Bruders. Der 22-Jährige erläuterte zudem, dass er von einer “schwarzen Liste” seines Vaters gehört habe. Drei Personen seien darauf gestanden.

Auch von Drohungen hat der jüngere Sohn nach eigener Aussage gehört, diese aber als “blödes Gerede abgestempelt”. Auch die Aussage einer Tochter des Angeklagten wurde verlesen. Ihre Reaktion, als sie im Februar von Hirtzbergers Vergiftung erfuhr, war demnach: “Das wird hoffentlich nicht mein Vater gewesen sein.” Text ORF

‘Kaspar und andere Kinder’ - Landesmuseum St.Pölten

Samstag, den 3. Mai 2008

Josef Bramer – Zeichnungen und Malerei 1968-200827. April 2008 bis 10. August 2008  Foto Paul Plutsch
Die Sonderausstellung zum 40-jährigen Schaffen versteht sich als komprimierte Retrospektive des 1948 geborenen Mostviertler Künstlers und Absolventen der Meisterklasse Rudolf Hausners.
Josef Bramer möchte mit seinen Bildern etwas bewirken, den Menschen einen Spiegel vorhalten. Ungerechtigkeit, Unvernunft und Lieblosigkeit widersprechen seiner humanitären Haltung.
So ist der “Kaspar” entstanden, selbstbildhaft einerseits, stellvertretend für den Menschen andererseits und er hat den Vorzug, auch unangenehme Wahrheiten beim Namen nennen zu dürfen. In früherer Zeit hat der Hofnarr dem Herrscher ungeschminkt Verirrungen angezeigt, auf Eitelkeiten und Machtstreben hingewiesen. Die Machthaber unserer Zeit verzichten auf den klugen Hofnarren, sie umgeben sich lieber mit Liebedienern und hören selten auf die Stimme der Vernunft. Josef Bramers “Kaspar” ist trotzdem nicht resigniert, melancholisch ja, ein Narr vielleicht, sicher aber ein Mensch und er steht stellvertretend für den Künstler.

Das so poetisch anmutende Werk Josef Bramers ist eine vielschichte und komplexe Angelegenheit voller Feinheiten und Hintergründe.Ausstellungseröffnung: Sa, 26. April 08, 16.00 Uhr, Anmeldung

Begleitprogramm:
Sonntag, 11. Mai 2008, 15.30 Uhr: Spezialführung “Kaspar und andere Kinder”

Info: www.landesmuseum.net/kunst/sonderausstellung

Chronologie des Falls Fritzl

Samstag, den 3. Mai 2008

 

 Josef Fritz foto   Polizei LKA NÖ

28.8.1984: Der erste Tag im Keller

Das jahrelange Schreckens-Martyrium von Elisabeth F. (42) beginnt mit ihrem elften Lebensjahr: Seither soll sie der mutmaßliche Täter, ihr eigener Vater, sexuell missbraucht haben. Am 28.8. setzte er dann seinen teuflischen Plan um: Der Verdächtige lockt seine Tochter in den Keller, betäubt sie und sperrt sie mit Handschellen gefesselt in einen Raum ein. Seither gilt das Mädchen als abgängig. Etwa einen Monat nach ihrem Verschwinden trifft bei den Eltern ein Brief ein, indem die 18-Jährige ersucht, nicht nach ihr zu suchen. Was keiner weiß: Für Elisabeth F. hat ein Alptraum begonnen, der 24 Jahre dauern wird.

19.5.1993: Baby Lisa wird gefunden

Keller im Haus Fritzl  | Foto: Polizei LKA NÖ

Am 19. Mai 1993 wird ein neun Monate altes Mädchen im Mehrparteienhaus der Familie gefunden. Dabei liegt ein Brief, aus dem hervorgeht, dass Elisabeth F. bereits eine Tochter und einen Sohn hat. Diese dürfte sie in den Jahren 1988 bis 1990 geboren haben. Die beiden leben seit ihrer Geburt bei der Mutter im Verlies.

Die vermeintlichen Großeltern beantragen bei der Jugendwohlfahrt Amstetten eine Adoption des gefundenen Mädchens, die rund ein Jahr später bewilligt wird. Zwischenzeitlich wird das Kind wegen eines Herzfehlers operiert.

15.12.1994: Baby Monika entdeckt

Keller im Haus Fritzl | Foto: Polizei LKA NÖ

Am 15. Dezember 1994 wird im Haus in Amstetten ein weiteres Kind “gefunden”, ein zehn Monate altes Mädchen. Josef F. beantragt das Sorgerecht. Seit 1995 befindet sich das Mädchen in sogenannter Verwandtenpflege.

24.12.1994: Der Fluchtversuch

Eine Woche nach der Geburt gelingt Elisabeth die Flucht aus dem Verlies. Aber: Ihr Vater findet sie und steckt sie wieder in den Keller zurück.

Luftaufnahme vom Haus Fritzl in Amstette | Foto: Paul Plutsch 

3.8.1997: Baby Alexander ist da

An der gleichen Stelle wird drei Jahre später, am 3. August 1997, ein 15 Monate alter Bub “entdeckt”. Auch der Bub kommt in Verwandtschaftspflege bei den vermeintlichen Großeltern. Ein Zwillingsgeschwisterchen des Buben stirbt einige Tage nach der Geburt mangels entsprechender Versorgung - die Leiche verbrennt Josef F. im hauseigenen Heizofen.

16.12.2002: Noch ein Sohn

In einem vermutlich im Jahr 2003 verfassten Brief berichtet Elisabeth F., am 16. Dezember 2002 einen weiteren Sohn auf die Welt gebracht zu haben.

19.4.2008: Opfer im Krankenhaus

Erste Schritte am Weg in die Freiheit gibt es für Elisabeth F. und drei ihrer Kinder - ein heute Fünfjähriger, ein 18-Jähriger sowie eine vermutlich 19-Jährige, im April 2008 durch einen “dramatischen Vorfall”: Die junge Frau wird schwerst krank. Daraufhin drängt Elisabeth F. ihren Vater, die Tochter in das Spital zu bringen.

Der Verdächtige lässt sich erweichen: Am Samstag, dem 19. April 2008, wird die bewusstlose Kerstin laut dem mutmaßlichen Täter im Wohnhaus der Großeltern in Amstetten “abgelegt” - eine Lüge, wie sich später herausstellt. Das Mädchen wird in das Landesklinikum Amstetten eingeliefert. Bei ihr findet sich ein Brief, in dem die 42-Jährige um Hilfe für ihr Kind bittet.

In den folgenden Tagen starten Medienaufrufe an die Mutter: Sie solle sich melden, um der Tochter möglicherweise das Leben zu retten. Elisabeth F. nimmt in ihrem Verlies einen solchen Aufruf im Fernsehen wahr und drängt ihren Vater und Peiniger, sie ins Krankenhaus zu bringen. Josef F. willigt ein und tischt dieses Mal seiner Ehefrau die Geschichte auf, dass die verschollen geglaubte Tochter plötzlich mit zwei weiteren Kindern wieder aufgetaucht ist.

26.4.2008: Täter wird verhaftet

Am 26. April 2008 werden Josef F., Elisabeth F. und zwei Kinder aufgrund eines Hinweises nach einem Spitalbesuch bei der vermutlich 19-Jährigen von der Polizei abgefangen. Der Mann wird in Haft genommen. Bei den Beamten dürfte Elisabeth F. plötzlich “ihr Fenster in die Freiheit” gesehen haben und vertraut sich schließlich den Polizisten an, wie Oberst Franz Polzer, Leiter des Landeskriminalamtes Niederösterreich (LK NÖ) am Montag darauf in einer Pressekonferenz bekanntgibt.

27.4.2008: Das Verlies wird entdeckt

Einen Tag später, am 27. April, verrät Josef F. den Exekutivbeamten, wie sie in das abgesicherte Gefängnis gelangen können. Die Polizisten öffnen das Verlies: Kein Sonnenlicht dringt in die mehreren schmalen Räume, die teilweise nur etwa 1,70 Meter hoch sind. Sanitäre Einrichtungen, ein Fernseher und eine Kochnische gibt es, in zwei Zimmern Schlafgelegenheiten. Zu Beginn dürfte Elisabeth F. nur ein Raum zur Verfügung gestanden sein - offenbar dafür war am 31. Oktober 1978 eine “Errichtung eines unterkellerten Zubaus” genehmigt worden.

28.4.2008: Geständnis des Josef F.

Am 28. April 2008 legt der 73-jährige Josef F. ein Geständnis ab. “Er ist im Wesentlichen geständig, schwächt aber in Details ab”, berichtet Chefinspektor Leopold Etz vom Landeskriminalamt Niederösterreich. Er wird ans Gericht überstellt, wo am 29. April über ihn U-Haft verhängt wird.