Erster Prozesstag zum Fall des vergifteten Spitzer Bürgermeisters
Montag, den 19. Mai 2008Dramatische Wende im Prozess zum Giftanschlag auf den Spitzer Bürgermeister Hannes Hirtzberger mit einer vergifteten Praline: Der Angeklagte ist am Montagnachmittag im Kremser Landesgericht von seinem 23-jährigen Sohn schwer belastet worden.

Der Student sagte unter Wahrheitspflicht, sein Vater sei “schon lange auf Hirtzberger böse” und mit diesem “verfeindet”, weil ihn der Ortsvorsteher bei einer Grundstücksumwidmung behindert habe. Und weiter: “Er hat gesagt, dass er irgendwann plant, ihn umzubringen.”
“Offene Rechnungen” mit drei Personen
Der Vater habe ihn “im Vertrauen” wissen lassen, “dass noch Rechnungen zu begleichen sind, bevor er stirbt”, gab der Zeuge zu Protokoll. Drei Personen hatte er demnach im Visier: den Lebensgefährten seiner Ex-Frau, einen früheren Pächter und Hirtzberger.
Die Drohung gegen Hirtzberger habe sein Vater “einige Male dezidiert” ausgesprochen, so der Zeuge. Seinem Vater sei Derartiges “prinzipiell sehr wohl zuzutrauen. Dafür kenne ich ihn gut genug.” Bereits während der Ermittlungen hatten die Kinder gegen den Vater ausgesagt.
Seit Jahren kaum Kontakt
Das Verhältnis zum Vater beschrieb der Sohn als “ehrlich gesagt nicht besonders gut, weil er eine sehr anstrengende Person ist”. Er sei “sehr von sich selbst überzeugt” und lasse “nur das gelten, was er selbst glaubt”. Er habe seit Jahren kaum noch Kontakt zu ihm.
Umso überraschender sei es für ihn gewesen, als ihn sein Vater im Februar in dem Wiener Studentenheim besuchte, wo er wohnt. Er sei damals mit hohem Fieber im Bett gelegen und habe ihn abwimmeln wollen, was jedoch nicht gelang.
Vater sprach von “Vorsichtsmaßnahme”
Helmut O. sei nach dem Betreten des Zimmers sofort “auf die Sache mit Hirtzberger” zu sprechen gekommen und habe die Befürchtung geäußert, dass man ihm den Giftanschlag in die Schuhe schieben wolle, mit dem er nichts zu tun habe.
Sein Vater habe ihn gedrängt, als “Vorsichtsmaßnahme” in ein mitgebrachtes leeres Marmeladeglas zu spucken: “Er hat gesagt, ich soll das vollspucken oder halb voll halt, damit er sich das reinhauen kann, um die DNA-Spur zu verfälschen, wenn er bei der Polizei einen Mundhöhlenabstrich abgeben muss.”
Söhne wollten Marmeladeglas zurück
Er sei “ziemlich schockiert” gewesen, sagte der 23-Jährige. Sein Vater habe ihn jedoch “so lange penetrierend genervt”, bis er nachgegeben habe. Später habe er seinen Bruder kontaktiert und erfahren, dass sein Vater sich auch von ihm eine “Speichelprobe” besorgt habe.
Der Darstellung des 23-Jährigen zufolge begaben sich die beiden Brüder daraufhin nach Spitz und forderten ihren Speichel zurück: “Der Papa war ziemlich angefressen auf mich. Echt grantig. Furchtbar böse.” Der Vater habe zudem erklärt, er habe “das Glas schon weggeworfen”.
Befragung über Video übertragen
In Wahrheit hatte der Angeklagte laut Staatsanwalt Friedrich Kutschera am 19. Februar der Polizei eine mit dem Speichel seiner Söhne manipulierte DNA-Probe hinterlassen. Die DNA des Angeklagten war auf einer Grußkarte gefunden geworden, die mit der Praline auf Hirtzbergers Auto deponiert worden war.
Der 23-Jährige wurde in einem Beratungszimmer von der Richterin befragt, während der Angeklagte, die Geschworenen, die Verteidiger und der Staatsanwalt sowie Medienvertreter im angrenzenden Gerichtssaal über Video die Befragung des Zeugen verfolgen konnten.
Angeklagter schweigt zu Vorwürfen
Die Aussagen wurden auch von einer Gutachterin untermauert. Alles spreche dafür, dass der Angeklagte selbst seine Probe verfälscht habe. Von der Richterin damit konfrontiert, wiederholte der Angeklagte nur seine zuvor gemachte Aussage, er wolle seine Kinder nicht vor Gericht belasten.
Auch weitere Kinder belasten Vater
Per Video eingespielt wurde auch eine Einvernahme des zweiten Sohnes des Angeklagten. Er bestätigte die Angaben seines Bruders. Der 22-Jährige erläuterte zudem, dass er von einer “schwarzen Liste” seines Vaters gehört habe. Drei Personen seien darauf gestanden.
Auch von Drohungen hat der jüngere Sohn nach eigener Aussage gehört, diese aber als “blödes Gerede abgestempelt”. Auch die Aussage einer Tochter des Angeklagten wurde verlesen. Ihre Reaktion, als sie im Februar von Hirtzbergers Vergiftung erfuhr, war demnach: “Das wird hoffentlich nicht mein Vater gewesen sein.” Text ORF



