Reinhard Fendrich

 

Am 27. Februar wird Rainhard Jürgen Fendrich in Wien-Alsergrund geboren. Seine Schulzeit verbringt er in einem Internat für Jungen. Zu seinem 15. Geburtstag bekommt er eine Gitarre geschenkt. Er bringt sich das Instrument selbst bei und schreibt erste eigene Lieder. Nach der Matura beginnt er in seiner Geburtsstadt verschiedene Studien, darunter Jura.
Mit diversen Jobs wie Handwerkshelfer, Postbote oder Versicherungsvertreter finanziert er sich Schauspielstudium und Gesangunterricht. „Ich habe immer meine Schulkollegen bewundert, die ab der dritten Mittelschulklasse gewusst haben, was sie werden sollen. Ich hätte mich so gerne festgelegt. Ich hab’s aber nicht können, weil ich so vieles machen wollte in diesem Leben… Bis ich wusste, was das Wichtigste war, wofür ich auf andere Dinge verzichten konnte: die Musik.“

AKTUELLES INTERVIEW MIT RAINHARD FENDRICH

„Niemand verlässt seine Heimat freiwillig, niemand. Und wenn man diese Kinder sieht, soll man einmal eine Sekunde daran denken, dass es die eigenen sein könnten“ – Rainhard Fendrich

Interview mit Rainhard Fendrich – Kainbach 12.09.2015

Rainhard Fendrich war der Stargast beim 30. Familienzeltfest bei den Barmherzigen Brüdern in Kainbach. Dort gab er Alfred Jokesch dieses Exklusivinterview:

Was hat Sie dazu bewogen, dieses Benefizkonzert in Kainbach zu geben?

Man kann es drehen und wenden, wie man will: Wir leben in einer gottlosen Welt. Die Menschen verlieren den Glauben an alles, und man muss froh sein, dass es solche Inseln der Barmherzigkeit gibt wie hier. Ich habe spontan zugesagt, als ich den Namen „Barmherzige Brüder“ gehört habe, denn die haben ein gutes Image. Und je mehr ich hier von diesem Haus erfahren habe, umso mehr bin ich überzeugt, dass die Entscheidung richtig war. Das sind Bauchentscheidungen. Ich mache so etwas gerne, und die Freundlichkeit, mit der wir hier aufgenommen worden sind, die Wärme, die einem da entgegenkommt, bestätigt nur, dass das eine richtige Institution ist. Hier wird Menschen geholfen, die niemanden mehr haben.

Welche Berührungspunkte haben Sie zu Menschen mit Behinderungen?

Gottseidank ist meine ganze Familie gesund. Ich habe vor einem Jahr für ein Behindertenzentrum gespielt, eine Selbsthilfegruppe, die sich gewünscht hat, dass ihr Heim restauriert wird. Dort ist ein Freund von mir, der einen jetzt 23 Jahre alten behinderten Sohn hat. Da habe ich ein bisschen mitbekommen, was es für die Eltern bedeutet, einen Heranwachsenden zu haben, den man waschen muss; es muss alles behindertengerecht sein. Das ist schon ein anderes Leben, und ich habe sehr großen Respekt vor diesen Menschen.

Ich habe Sie immer als einen sehr ehrlichen Menschen wahrgenommen, der sein Herz auf der Zunge trägt und sich ja auch oft genug die Zunge verbrannt hat. Ehrlichkeit ist im Showgeschäft nicht unbedingt ein Wert, der hoch im Kurs ist. Kann man da mit Ehrlichkeit überleben?

Also, mit Ehrlichkeit allein kann man nicht überleben. Es gibt ja das Experiment: Wenn man einen Tag nicht lügt, hat man überhaupt keine Freunde mehr. Es gibt schon diese „Notlügen“, aber ich habe ein schlechtes Gedächtnis. Und wer lügt, muss sich ja das alles merken. Ich bin halt einer, der spontan ist. Es ist nicht immer alles klug, was ich sage, aber es ist im Moment immer so gemeint. Ich schieße auch manchmal über das Ziel hinaus, aber das ist eben mein Naturell.

Das Showbusiness ist eben Glamour, aber es gibt ja sehr viele Facetten der Unterhaltung. Ich verstehe Unterhaltung so, dass sie auch etwas mit Haltung zu tun hat. Ich bin nicht der großartige Sänger oder Denker, sondern ein Kind dieser Zeit, das eben die Gabe hat, sich in Liedern auszudrücken. Ich bin nichts anderes als ein Spiegel oder einer, der seine Stimme erhebt. So sehe ich mich, nicht als großen Künstler. Ich komme aus nicht sehr reichen Verhältnissen und habe mir eigentlich nichts anderes gewünscht, als dass ich mich ernähren kann. Ich bin auch auf der Straße gesessen, war eine Zeitlang ohne festen Wohnsitz. Also ich habe auch eine Ahnung davon, was es bedeutet, niemanden zu haben.

Das hat auch meine Musik geprägt. Ich versuche, meine Gedanken zu schärfen, wachsam durch die Welt zu gehen und zu reflektieren, was um mich herum passiert. Das ist keine Garantie dafür, dass ich recht habe. Wenn ich eine Diskussion auslöse mit meinen Liedern, dann ist mir schon mehr gelungen, als ich vorhatte.

Ein häufiges Thema in Ihren Liedern ist das Mannsein in seinen verschiedenen Ausprägungen. Haben die Männer heute ein Identitätsproblem?

Das weiß ich nicht. Ich habe keines. Ich weiß nur, wie ich erzogen wurde, und komme drauf, dass diese Erziehung eigentlich nicht richtig war. Man muss einen Mann anders erziehen als mit Disziplin und „Man darf keinen Schmerz zeigen“. Ich bin mit meiner Mann-Rolle sehr zufrieden – also zufrieden bin ich nie, aber ich habe mich mit mir versöhnt.

Wie würden Sie sich als Mann charakterisieren?

Gar nicht. Das überlasse ich den anderen. In Selbstbeschreibungen bin ich ganz schlecht. Man dann stark, wenn es die anderen sagen, nicht wenn man es selbst sagt.

Ein anderes Thema ist Korruption, weltpolitische Verstrickungen, Kriege. Soll sich ein Künstler politisch engagieren?

Er kann nicht anders. Ich kann nur über das singen, was mich beschäftigt. Erstens versuche ich, mein Publikum immer mit meinen Gedanken zu überraschen. Zweitens interessiere ich mich für viele Dinge, und das fließt automatisch in den Text ein. Ich kann keine Lösungen anbieten, aber es gibt Dinge, über die ich reflektiere und schreibe. Und es ist halt einmal Krieg, diese Völkerwanderung, der wir ins Auge sehen müssen. Es ist erschütternd, wie sich manche Nationen verhalten. Das wird sicher auch ein Thema auf meinem neuen Album, denn ich kann nur über die Gedanken schreiben, die ich im Kopf habe.

Wie sehen Sie die Flüchtlingsbewegungen, die jetzt gerade im Losbrechen sind?

Wir stehen da einer Situation gegenüber, auf die Europa nicht vorbereitet war. Es ist aber auch so, dass wir das nicht mit Zäunen verhindern können. Wir müssen uns über eines im Klaren sein: Wir stehen am Anfang einer Völkerwanderung, und viele dieser Menschen werden nicht mehr weggehen. Das sind nicht unsere Gäste. Ich bin stolz auf Österreich, weil sich die Österreicher immer vorbildlich gegenüber Flüchtlingen verhalten haben.

Ich glaube, dass wir sie in unsere Gesellschaft integrieren müssen. Man soll nur an eines denken, wenn man die ausländerfeindlichen Parolen von rechten Populisten hört: Niemand verlässt seine Heimat freiwillig, niemand. Und wenn man diese Kinder sieht, soll man einmal eine Sekunde daran denken, dass es die eigenen sein könnten.

Es gibt hier in Kainbach die Drogentherapiestation „Walkabout“. Gibt es etwas, das Sie den Patienten dort mit auf den Weg geben möchten?

Unsere Gesellschaft lebt mit Drogen. Es gibt legale und illegale. Es gibt die Spielsucht, es gibt die Drogen, die vom Gesetz verboten sind. Wenn ich ihnen etwas mitgeben will, dann vielleicht mein Lied „Die, die wandern“. Es handelt davon, dass man immer in Bewegung bleiben muss. Und wenn man Hilfe hat, wie man sie hier findet, dann muss man sie annehmen, und man wird auch wieder zurückfinden.

Sie haben gesagt: Wir leben in einer gottlosen Zeit. Sehen Sie pessimistisch in die Zukunft?

Ein Pessimist ist ja nur ein Optimist mit schlechten Erfahrungen. Nostradamus hat gesagt, der letzte Krieg auf dieser Erde werde ein Glaubenskrieg sein. Und ich habe die Befürchtung, es ist jetzt soweit. Es gibt nur zwei Möglichkeiten: Entweder wir nehmen diese Menschen auf und sie leben mit uns, oder es wird zu einem Weltkrieg kommen. Davor habe ich eine unheimliche Angst.

Würden Sie sich als religiösen Menschen bezeichnen?

Nein, nicht mehr. Ich bin ein gläubiger Mensch. Ich weiß nur nicht genau, woran ich glauben soll und wie mein Gott aussieht. Aber ich bin durch meine Zweifel draufgekommen, dass es sehr viele Wege zu Gott gibt. Ich würde mich nicht als sehr religiös bezeichnen, aber ich muss ehrlich sagen, ich bin ein Suchender. Ich fühle mich aber nicht unwohl in meiner Haut, weil ich nach wie vor beten kann – sogar viel besser als früher.

Ich war Ministrant, bin katholisch erzogen, war in einem katholischen Internat. Ich kann das auch nicht wegstreichen, aber ich stehe dem ganzen System „Katholische Kirche“ sehr sehr kritisch gegenüber. Ich bin wirklich zu einem Zweifler an dem ganzen System geworden, weil ich mich frage, wo ist die Kirche jetzt in dieser furchtbaren Welt des Elends? Da verstehe ich Vieles nicht, aber ich kann ehrlich sagen: Ich bin nicht gottlos.

Meine Erklärung: Der Baum der Erkenntnis ist ja nichts anderes als das Wissen, dass wir sterben – was ein Tier nicht tut. Und eine Religion ist nichts anderes als erstens ein Druckmittel, damit man ein Volk mit Regeln, Bestrafung und Drohung belegen kann, damit es funktioniert, und zweitens eine Sterbehilfe. Dass dann ein Paradies wartet. Wir Menschen müssen mit dem Wissen leben, dass es irgendwann vorbei ist. Und da braucht man eine Hilfe, eine Seelsorge.  Ich glaube schon, dass unsere Seele unsterblich ist, weil ich mir das nicht vorstellen kann, dass es nachher vorbei ist. Aber wie das ausschaut, weiß ich auch nicht. Es ist nicht so, dass ich nicht darüber nachdenke und Agnostiker wäre, aber das ist etwas, wo ich wirklich sagen muss, ich bin im Laufe meines Lebens jetzt mit 60 ein Zweifler geworden. Aber nur die Zweifler kommen weiter.

In dem Lied „Alle Zeit der Welt“, das Sie zu Ihrem 30. Geburtstag geschrieben haben, heißt es: „Das kann‘s doch noch net g’wesen sein…“ Gilt das heute mit 60 auch noch?

Ich bin schon sehr früh im Geist gealtert. Ich bin jetzt mit 60 eigentlich im Kopf jünger als ich mit 30 war. Ich wundere mich selber darüber, ich hatte mit 30 das Gefühl, dass es jetzt vorbei ist. Ich hab mit 35 das Lied „Midlife Crisis“ geschrieben. Da ist man nicht in der Midlife Crisis. Eigentlich bin ich gar nie in eine Midlife Crisis gekommen, weil ich nie wirklich aus der Pubertät rausgekommen bin. „Pubertare“ heißt ja verändern. Ich versuche immer wieder, mich zu verändern. Das ist schon interessant, ich habe mich damals alt gefühlt, wirklich alt, weil sonst kommt man nicht auf solche Gedanken.

Infos zu den Barmherzigen Brüdern und Bilder zum Konzert in Kainbach:

www.kainbach.at/site/kainbach/home/article/34702.html

Lebenswelt Kainbach – Barmherzige Brüder auf Facebook:

Quelltext: http://www.fendrich.at/news/aktuelles-interview-mit-rainhard-fendrich